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Der Engel (unveröffentlicht)


Auszug aus "Der Engel"

Der erste Gang führte zum Bestattungsinstitut. Schwester und Neffe begleiteten sie. Schon flackerte ein kleines Interesse auf, ein Institut sollte es sein, etwas Unbekanntes. Es hätte ja auch ein Bestattungsladen sein können, oder ein Bestattungsgeschäft, oder ein Lager oder ein Markt. Über der Eingangstüre des kleinen Vorbaus ein Schild: BESTATTUNGSINSTITUT, womit jeglicher Gedanke auf Kosten oder aufs Geschäft ausgeschlossen blieb. Der junge Mann, der sie empfing, überraschte. Ein himmlisches Wesen hatte sich hier in das irdische Jammertal verirrt. Klein und schmal, das Gesicht umgeben von hell leuchtenden, silberblonden Engelslocken und in einen schwarzen Kittel gehüllt, sprach er mit leiser, fühlender Stimme sein Beileid aus. Die Mutter, Chefin zugleich, war noch beschäftigt und so führte er die Trauernden in einen rückwärtigen Raum, die Daten aufzunehmen. Mit Mühe nur fanden sie Platz in dem winzigen Durchgang und umgeben von überladenen Schreibtischen und mehreren Computern, wurde das Leben der Verstorbenen erst einmal pietätvoll auf einen Vordruck aufgelistet.
Viel war es nicht, was die Nachwelt interessierte: Geburt, Hochzeit, Beruf, Todestag. Die weitergehenden Angebote wollte nachher die Mutter machen.
Sie wird bald so weit sein, so der Engel und da es galt, das Schweigen das sich zu verdichten drohte, nicht in unaufhebbare Starre sinken zu lassen, die bange Frage der Frau: Sie haben wohl viel zu tun im Moment?

Gelöst war der Bann der Trauer. Hier wurde das Geschäftliche angefragt und wer wüsste es besser als er, dessen Arbeit es war, die Vielen zu kleiden und zu waschen, zu betten und zu transportieren, ihnen die letzte Stätte auszuschmücken und die Hände in zufriedener, alles beschließender Geste zu falten. Sie sterben zur Zeit wie die Fliegen. Ganz irdisch traf der Engel diesen tierischen Vergleich und über das WARUM und WIE entspann sich ein lebhafter Austausch. Mit  gedämpfter Neugierde erfragte die Frau sich Namen und Zeiten und genaue Zahlen und Arbeitsverhältnisse. Sie hatte so manchen gekannt, hatte mit dieser Frau zusammen gearbeitet, mit jenem jungen Mann war der eigenen Sohn zur Schule gegangen, da konnte die Stimme wohl versagen, bei so viel Elend. Und dann das gar nicht zu fassende, sogar ein Selbstmörder war zu beklagen. Unter die Schienen gelegt, mit zweiunddreißig, niemand weiß warum.
Da wagte sie nach den Umständen der Bestattung doch nicht direkt zu fragen. Auch er, der hautnah Beteiligte, hüllte sich in eine Gloriole des Schweigens.



 

Franz Kamitzkes Versuch durchs Leben zu gehen. Erzählung. (uv)
Die wiederholten Versuche
Franz Kamitzkes
durchs Leben zu gehen
und der meine
diese Versuche dem
Vergessen zu entreißen

Fragmente. 1985.

 

Auszüge:
3
Franz als viertes Kind geboren. Wichtig: drei vor ihm. Drei Esser, drei Schreier. Vier mit ihm, die es warm haben wollten, die forderten, Geld, Zeit, Kraft, von Liebe und Zärtlichkeit nicht zu reden, daran nicht zu denken. Franz wurde hineingeboren in ein Nest, das übervoll war, schäbig, abgerissen, in dem Hoffnung, Glaube, Liebe nur noch außerhalb denkbar war, als religiöses Privileg, abgekoppelt von der Wirklichkeit, nicht zutreffend, weder jemals noch nicht mehr.
Am längsten spürbar als Erinnerung, verschwommen und sehnsuchtsbeladen, das Innere der Brust weitend der Gedanke der Hoffnung.

 

15
Welche Berechtigung habe ich, Franz Gedanken und Gefühle zuzuschreiben, die möglicherweise, sogar sicher so nicht stimmen, die nur andeutungsweise richtig sind, sein müssen für ihn, weil sie es für mich sind. Versuch einer Begründung, Rechtfertigung. Ich wäre durchaus geneigt, meine Rekonstruktionen aufzugeben, könnte Franz sich dazu entschließen, mich zu verlassen.

Es kann nicht fair sein, auf ein plastisches Lebensbild, eine Unvergessenheit geradezu auf ein Überleben zu pochen und gleichzeitig  alles zu kritisieren und in Frage zu stellen was auftaucht aus der Vergangenheit der Gefühle und Zeiten. Wie sollte gerade Franz Anspruch auf Authentizität haben, er, der mir Zeit seines Lebens verborgen blieb. Wie sollte Authentizität ihm zustehen, wo sie mir abgeht. Und welchen Nutzen, welche Vorteile brächte sie ihm und mir.

Wäre es nicht wichtiger, mir, der Lebenden, die Gefühle zu sichern, die Geschehnisse aus vagen Zusammenhängen zu reißen, die Zukünfte in rosiges Licht zu stellen, unverlöschbar. Haben Tote mehr Recht auf Leben als die Lebenden. Ist es mir nicht gleich
mühsam zu versuchen, übergestülpte Charaktere und Verhältnisse zu entfernen, gelingt es mir nicht ebenso wenig wie ihm, der Versuche aufgegeben hat.

 


 

Bis zum bitteren Ende (Arbeitstitel). Roman. (uv)

 

Die gerade vierzigjährige Elisabeth musste sich im Krankenhaus in der nahe gelegenen Großstadt untersuchen lassen. Mit der Bahn fährt sie am Nachmittag zurück in die kleine Stadt an der Donau, in der sie als Lehrerin unterrichtet.
Auf dem Nachhauseweg erinnert sie sich an ihre erste Ehe, das Studium, an die Schwiegereltern, an den Beginn ihrer Krankheit.
Sie verbringt eine Nacht, einen Tag und wieder eine Nacht in einem kleinen Haus, das sie als Zufluchtsstätte gemietet und eingerichtet hat. Ein Gewitter zieht auf. Während Elisabeth den Regen genießt, kommen ihr  frühere Erlebnisse in ähnlichen Situationen in den Sinn.
Da sie weiß, dass sie nicht mehr allzu lange zu leben hat, beschließt sie, eine Liste der Dinge zu erstellen, die ihr noch wichtig sind und die sie noch erledigen möchte. Die bedrückende Situation im Zusammenleben mit ihrem zweiten Mann Max und der kürzliche Selbstmordversuch ihrer Tochter aus erster Ehe machen ihr zu schaffen.
Die Erkenntnise ihres eigenen Versagens lassen sich nicht mehr verdecken. Elisabeth entschließt sich, zu handeln. Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf.

Der Roman hat ca. 130 Seiten. Der Titel ist nicht festgelegt.

Auszug:
Elisabeth war froh, doch mit dem Zug gefahren zu sein. Sie hatte sich schwer entschließen können. Das Autofahren war ihr zu mühsam erschienen, die Bahn zu umständlich. Jetzt genoss sie es, sich nicht selbst durch den Verkehr kämpfen zu müssen. Auf dem Bahnsteig stand bereits der Regionalzug. Sie hätte auch auf einen IC warten können. Manchmal hielten diese ja aus nicht zu durchschauenden Gründen auch an ihrem Ziel. Doch der Bummelzug war ihr recht. Am frühen Nachmittag war er fast leer und sie hatte einen Waggon vorerst für sich. Es war einer dieser Züge, in denen man zwar hörte, dass Reisende zustiegen, sie aber nicht sah, wenn sie weiter entfernt Platz nahmen. So stiegen auch heute nacheinander drei Mitfahrende ein und Elisabeth gefiel es, sich die drei auszumalen. Es war still im Abteil, nur die Geräusche des Bahnhofs draußen machten die Stille erträglich. Niemand sprach. Hin und wieder raschelte das Blatt einer Zeitung. Ja, überlegte sich Elisabeth, ich tippe auf einen Mann mit Zeitung und auf zwei Frauen. Wahrscheinlich mit Einkaufstüten neben sich auf den Sitzen. Als ihr bewusst wurde, in welchen Klischees sie dachte, musste sie lächeln. Das wäre einmal wieder ein gefundenes Fressen für Max. Wieso sollte nicht die Frau mit der Zeitung beschäftigt sein und zwei Männer gelangweilt aus dem Fenster starren. Wenn es so ist, dachte sie, nein, entfuhr es ihr, wenn es Mann gleich Zeitung, Frau und Frau mit Einkauf ist, wenn das stimmt, werde ich wieder gesund. Es schien ihr sicherer so.
Das alte Spiel, immer das alte Spiel. Sie spielte es seit ihrer Kindheit: Wenn der Zug mehr als zehn Waggons hat, wenn die Zaunleisten eine gerade Zahl ergeben, wenn die Freundin sich noch einmal umsieht, wenn, wenn, wenn - dann. Hoffnungen hatten sich aus diesem Spiel ergeben, so plötzlich hatte sich Trauer und Verlorenheit in Zuversicht gewandelt. Sie hatte daran geglaubt, auch wenn die geweissagte Lösung und Wendung sich ins Gegenteil verkehrt hatte. Die Schuld hatte sie bei sich gesucht. Sie hatte das Zaubermittel nicht genau genug angewandt, hatte den falschen Moment erwischt, hatte nicht fest genug an die Wirkung geglaubt. Es war aufregend, sich der Auflösung des Vorgedachten und Erwarteten zu nähern. Der kleine, tief verborgene Rest der Unsicherheit durfte nicht zur Oberfläche dringen. Elisabeth ging nach vorne durch den Wagen und besah sich ihre Mitspielerinnen. Tatsächlich waren es drei Frauen. Zwei von ihnen lasen, die dritte sah sie neugierig an und grüßte. Elisabeth war enttäuscht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Andererseits tröstete es sie jedoch über den Misserfolg, der keiner war, da die Bedingungen nicht zutrafen. Eine Ansammlung von Menschen also, die für ihre Situation von keinerlei Bedeutung war. Auch gut, so blieb die Frage gesund werden oder krank bleiben wieder einmal in der Schwebe.
Am Ende des Zuges hatte ein Schaffner begonnen die Türen zu schließen. Die Menschen die noch auf dem Bahnsteig gesprochen hatten, stiegen hastig ein. Obwohl die endgültige Abfahrt des Zuges aus dem Lautsprecher dröhnte, wirkte die Abfahrt gemächlich.
Elisabeth war zu ihrem Platz zurückgegangen. Sie freute sich, der Hitze und dem Gestank der Stadt zu entkommen. Sie liebte die Strecke entlang des Flusses. Als sie die ersten Büsche und das Wasser sah, musste sie an Max denken. Am Anfang ihrer Beziehung waren sie einige male zum Sonnenbaden hierher gekommen und hatten sich ausgiebig miteinander vergnügt. Sie wollte noch nicht an ihn denken und konnte doch nicht verhindern, dass ein bedauerndes und unangenehmes Gefühl sie beschlich.
Wie oft sie diese Strecke schon gefahren war. Sie liebte den Geruch nach Hitze und Wasser, kannte ihn seit ihrer Kindheit.
Kein Wunder, dass es eine Liebe geworden war zwischen ihr und der Landschaft. An einigen Stellen sah sie badende Kinder. Früher hatte sie das auch gemacht, inzwischen war ihr der Fluss zu schmutzig. Im übrigen bereitete ihr das Schwimmen im Moment sowieso Schwierigkeiten. Brustlos dachte sie, einbrüstig, aber nicht einarmig, noch nicht. Es fühlte sich immer noch merkwürdig an. Vielleicht würde ich sie nicht so vermissen, wenn sie ganz klein gewesen wäre oder wenn Max besser damit zurecht käme. Bei diesem Gedanken wurde ihr der Hals eng. Hastig schluckte sie Schmerzen und aufsteigende Tränen hinunter. Sie hatte sich doch vorgenommen hart zu werden. Mühsam, sich in etwas einzuüben, was einem nicht entsprach. Sie hätte doch ihre Freundin besuchen und das bedrückende Verhalten von Max mit ihr bereden sollen. Jetzt tat es ihr leid um die verlorene Aussprache.

 


 

Geschichte von der Frau die ihren Mann mit der Armbrust erschoss. Roman. (uv)

 

Leseprobe:

 

Prolog oder

Dialog mit den Lesenden

 

Ja, höre ich dich sagen, so solltest Du beginnen: Ihre Brüste verfolgten ihn noch im Schlaf, oder besser: Ihre Brüste verfolgten ihn noch im Traum.

Oder: Wer hätte gedacht, dass die Katze, nur zwei Tage später ihre

PFOTEN AUF SO SCHRECKLICHE WEISE VERLIEREN WÜRDE.

Und wie wäre das: Sie hätte gedacht, der Satz, die liebe höret nimmer auf, treffe auch auf sie zu, doch sie hatte sich getäuscht.

 

Darf ich mich jetzt auch einmal zu Wort melden? Ja, ich möchte vielleicht einen Roman schreiben, aber weder sollte er in die pornografische Richtung gehen, noch sollte es ein Roman über Tiere oder gar ein purer Liebesroman werden. Über die Liebe ja, aber über ihr Fehlen gleichermaßen.

 

Aha, sagst Du, Du willst also ( doch) einen Roman schreiben. Dann solltest Du daran denken, dass der erste Satz der wichtigste ist im ganzen Text.

Dieser erste Satz muss ein Einschmeichler, ein Hineinzieher, ein Neugierigmacher, gewissermaßen ein Spannungsflitzer sein.

Hat dieser erste Satz diese Qualitäten, dann und nur dann, blättern die Lesenden weiter und erfreuen sich an Deinen Exkursen über Weichheit und irgendwelche Schatzkästlein, betrachten mit Dir Vesperdosen unterschiedlicher Farbe oder blonde Frauen auf Stilettos.

 

Da magst Du ja Recht haben, aber sag, wie findest Du denn meinen Titel?

 

Na, ja, diese Armbrust im Titel, glaubt Dir ja sowieso keiner. Wer, außer Dir, würde schon eine solch mittelalterliche Tatwaffe wählen.

Aber um noch einmal zurückzukommen, glaube mir, du musst einen ersten Satz anbieten, der spannend ist, der Lust macht aufs Weiterlesen. Der uns Lesende hineinzieht ins weitere Geschehen. Der Spannung aufbaut und neugierig macht. Nimm einen von den Sätzen, die ich Dir oben angeboten habe und der Erfolg ist Dir sicher.

 

Erlaube mal, ich möchte meinen Text und ich spreche jetzt einmal nicht von einem Roman, selbst beginnen. Du als Lesende kannst mir doch nicht schon die ersten Sätze vorschreiben. Zumal ich mir über die Art des Textes noch keine endgültige Klarheit verschafft habe.

Es könnte ja beispielsweise ein Bericht werden, über eine unabsichtliche Tötung während eines Armbrustturniers. Die Ehefrau will gewinnen, zielt eigentlich richtig, der Pfeil macht sich selbständig und trifft versehentlich den zuschauenden Ehemann. Peng, er fällt um und ist tot.

 

Prima! Peng, er fällt um und ist tot!

 

Ach ja, das habe ich mir gedacht, das gefällt Dir. So sollte ich wohl beginnen: Peng, er fiel um und war tot. Das wäre Dir recht. Groschenroman, kann ich da nur sagen und das mit Ausrufezeichen!!!!

Wenn Deine Lust und Dein Interesse auf so etwas Spektakuläres in Wort und Inhalt gerichtet ist, bist Du bei mir fehl  am Platze. Außerdem macht eine Armbrust nicht einmal Peng. Aber ich möchte Dich dennoch nicht verlieren. Ich hätte gerne, dass Du mich begleitest bei meinem Gang durch die Geschichte einer lieblosen Ehe.

Ach, Du meinst, das Thema sollte ich auch nicht verraten. Das möchtest Du selbst feststellen. Aber, wie soll ich Dich denn dann hineinziehen in meinen Text? Was kann ich Dir anbieten, damit Du mich nicht verlässt?

 

Auf keinen Fall den Schluss, höre ich dich entsetzt rufen.

 

Das ist ja wohl klar, wer würde schon den Schluss vor dem Anfang präsentieren. Ehrlich gesagt, ich will auch noch die Frage offen lassen, ob diese Frau, deren Leben und Lieben einen großen Teil des Textes ausfüllt, ihren Mann tatsächlich erschoss.

 

Du behauptest es aber doch in Deinem Titel, dass sie zu so etwas fähig sei. Dann muss es doch auch geschehen. Alles andere wäre Betrug an den Lesenden.

 

Sei nicht gleich wieder beleidigt. Es könnte ja sein und ich habe auch vor, sie sich zu einer so selbst bewussten Frau entwickeln zu lassen, dass sie diese Tat vollbringen kann. Aber wer weiß. Frauen und Töten zusammenzubringen ist nicht so einfach. Sie scheinen eine natürliche Hemmschwelle zu haben, jemanden vorzeitig ins Grab zu legen.

Aber, du wirst ja sehen. Ich hoffe, ich habe mit meinen Andeutungen dein Interesse jetzt doch geweckt und du liest und liest und liest, bis zum Schluss.

Am besten beginnst du bei meinem Anfang: weich, aber durch und durch.

 


 

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