Auszüge:
3
Franz als viertes Kind geboren. Wichtig: drei vor ihm. Drei Esser, drei Schreier.
Vier mit ihm, die es warm haben wollten, die forderten, Geld, Zeit, Kraft, von
Liebe und Zärtlichkeit nicht zu reden, daran nicht zu denken.
Franz wurde hineingeboren in ein Nest, das übervoll war, schäbig, abgerissen,
in dem Hoffnung, Glaube, Liebe nur noch außerhalb denkbar war, als religiöses
Privileg, abgekoppelt von der Wirklichkeit, nicht zutreffend, weder jemals noch
nicht mehr.
Am längsten spürbar als Erinnerung, verschwommen und sehnsuchtsbeladen,
das Innere der Brust weitend der Gedanke der Hoffnung.
15
Welche Berechtigung habe ich, Franz Gedanken und Gefühle zuzuschreiben, di
möglicherweise, sogar sicher so nicht stimmen, die nur andeutungsweise richtig
sind, sein müssen für ihn, weil sie es für mich sind.
Versuch einer Begründung, Rechtfertigung.
Ich wäre durchaus geneigt, meine Rekonstrukitonen aufzugeben, könnte Franz
sich dazu entschließen, mich zu verlassen.
Es kann nicht fair sein, auf ein plastisches Lebensbild, eine Unvergessenheit
geradezu auf ein Überleben zu pochen und gleichzeitig alles zu kritisieren und in
Frage zu stellen was auftaucht aus der Vergangenheit der Gefühle und Zeiten.
Wie sollte gerade Franz Anspruch auf Authentizität haben, er, der mir Zeit seines
Lebens verborgen blieb. Wie sollte Authentizität ihm zustehen, wo sie mir abgeht.
Und welchen Nutzen, welche Vorteile brächte sie ihm und mir.
Wäre es nicht wichtiger, mir, der Lebenden, die Gefühle zu sichern, die Geschehnisse
aus vagen Zusammenhängen zu reißen, die Zukünfte in rosiges Licht zu stellen,
unverlöschbar.Haben Tote mehr Recht aus Leben als die Lebenden. Ist es mir nicht gleich
mühsam zu versuchen, übergestülpte Charaktere und Verhältnisse zu entfernen,
gelingt es mir nicht ebenso wenig wie ihm, der Versuche aufgegeben hat.