Ein kleines, leichtes Glück. Erzählung. (Cornelia Goethe Verlag, FfM. 2006)
Auszug aus: Ein kleines, leichtes Glück. Erzählung.
Hilfe - ich werde nicht satt.
Der sprichwörtliche Schmalhans als Küchenmeister machte sich in der großen Familie unübersehbar noch breiter. Jetzt, wo die Weberei geschlossen war, wo es keinerlei Arbeit oder Heimarbeit mehr gab, wo alle nach dem eigenen Auskommen schauten und schauen mussten, wurde die Not und die Ratlosigkeit zur Verzweiflung. Wie sollte sie, Klara, gleichzeitig diese vier Kinder beaufsichtigen, womöglich noch erziehen, sie kleiden und pflegen und sauber halten und ihnen auch noch Nahrung verschaffen.
Ein Glück nur, dass sie ein Zuhause hatten, winzig zwar und dürftig ausgestattet, aber eben doch eine sichere Bleibe, wenn auch ohne Brennmaterial, ohne wertvolle Gegenstände wie schöne Möbel, alte Teppiche, teure Wäsche, Porzellan oder Schmuck, die gegen Lebensmittel zu tauschen gewesen wären.
Es musste sich etwas finden und es fand sich die Arbeit als Erntehelferin auf einem Bauernhof in der Vorstadt. So zog Klara mit den Kindern aufs Feld. Die größte Tochter, nun schon zehn Jahre alt, beaufsichtigte die Geschwister und die Kinder der Bäuerin und half bei Bedarf auch schon bei der Arbeit, vor allem bei der Kornlese. War das Getreide geschnitten und auf den Hof geschafft, so zogen die Arbeiterinnen und die Familie des Bauern zur ersten Kornlese über das Feld. Waren bei diesem ersten Durchgang noch einige Säcke für die Bauersleute zusammengekommen, so durften jetzt die Familien der Helferinnen sammeln was übrig geblieben war.
Alles was laufen konnte, schwärmte nun über das Feld. Jedes einzelne Korn war so kostbar, dass sich die Kinder nur heimlich getrauten, einige im Munde zu zermahlen, um mit dem süßen weißen Brei den Hunger zu überlisten. Bei der Kartoffelernte waren dann vollends alle Hände beteiligt. Anfangs war es für Katharina ein schönes Gefühl, zwischen der trockenen krümeligen Erde die kleinen und großen Knollen hervorzusuchen. Da fanden sich für die Kinder die interessantesten Gebilde, kleine, unvollständige Gnome und Pilze und Zwillinge und die besonders schönen, fast wie Puppen oder Gesichter aussehenden durften sie zusammen mit den allerwinzigsten Kartoffeln mit nach Hause nehmen. Doch die späten Herbsttage waren meist kühl und neblig und je länger die Kinder auf dem Acker bleiben mussten, um so schwieriger war es, die klammen Finger beweglich zu halten. So flossen manche verzweifelte Tränen, doch Klara konnte die Arbeit nicht abbrechen. Zu sehr sah sie den kommenden Winter vor sich in dem jede einzelne, jetzt verdiente Kartoffel, lebensnotwendig sein würde.
So kam zu den aktuellen Sorgen noch das Mitleiden und auch die Härte hinzu. Ging es doch nicht an, dass sie ihr Herz sich in Stücke reißen lassen konnte. Hatte sie nicht auch Hunger. Spürte sie nicht auch die Kälte in allen Knochen. Konnte sie sich nicht auch kaum mehr auf den Beinen halten. Spürte sie nicht auch ihren Rücken, bei jedem Aufrichten und Bücken schmerzhaft. Da blieb nichts anderes übrig, als über den Notwendigkeiten einerseits und den unlösbaren, kaum zu ertragenden Befindlichkeiten, der eigenen wie der ihr damals möglicherweise Liebsten, zu vereisen.
An arbeitsfreien Tagen und öfter noch nach dem Abschluss der Kartoffelernte, zog die Mutter mit den Kindern in den Wald. Es galt jetzt alles heimzuholen, was die Natur zum Überleben beizutragen hatte. So konnten sie aus den gesammelten Bucheckern Öl pressen lassen, Reisig und Tannenzapfen konnten sie nicht genug nach Hause schaffen und aus Schlehen und Hagebutten kochte die Mutter Saft und Marmelade, hoffend, dass diese auch mit wenig Zucker einige Zeit halten würde. Im nahen Ried hatten sie in den Sommermonaten mit unerbittlicher Ausdauer Heidelbeeren, Himbeeren und Preiselbeeren gesammelt. Auf den Wegen wurde jedes Stückchen Holz oder Torf, alles Brennbare, war es auch noch so klein, aufgelesen und meist in der Schürze nach Hause getragen.
Es war für Katharina eine kaum zu beschreibende Freude, als sie eines Tages zwischen Brennnesseln, die sie für die Mutter zum Mittagessen sammelte, ein
Päckchen weißer langer Kerzen fand. Etwas zum Lebensunterhalt beizutragen machte stolz und verlieh ein Gefühl von Wert, da augenblicklich nur das zählte: Wärme, Essen, Trinken, Wärme, Essen.
Das Beeindruckendste an diesen Monaten vor dem harten Winter war das Erlebnis, Katharina nannte es, wenn sie sich erinnerte, den Kampf mit dem Fuchs.
Als sie eines Nachmittags alle zusammen in einem schon lichten Buchenwald noch nach Bucheckern und Reisigästen suchten und die magere Ausbeute auf einem kleinen Haufen zusammentrugen, näherte sich ihnen überraschend und lautlos ein Fuchs. Der Kleinste bemerkte ihn zuerst und so standen sie plötzlich alle wie erstarrt diesem schönen Tier gegenüber. Auch der Fuchs verhielt still und aufmerksam zwischen den Buchenstämmen. Sein Fell leuchtete tiefrot in den schon kühlen Strahlen der spätherbstlichen Sonne.
Erschrocken war wohl alleine die Mutter. Sie griff, als der Fuchs sich noch näher an die Kinder heranwagte, nach einem Stock und ging furchtlos auf das große Tier zu. Da dieses, aus welchen Gründen auch immer, nicht augenblicklich die Flucht ergriff, verfolgte sie ihn eine Strecke weit und es gelang ihr tatsächlich, ihn durch Drohgebärdem mit dem Stock und lautes Geschrei zu vertreiben.
Dieses schöne Schauspiel war Katharina als heldenhafte Tat lange im Gedächtnis geblieben. Konnte die Mutter sie schon nicht satt machen, so brauchte Katharina doch irgendetwas um ihr positive Gefühle entgegenbringen zu können. All ihre Bemühungen, ihre Arbeit am Tag bis in die späte Nacht, diente doch nur dazu, sie von ihr, Katharina, zu entfernen, sie ihr fremd zu machen in ihrem ewigen Klagen und Zanken. So hatte Katharina eine Mutter, verbittert, immer in Eile, Anweisungen und Verbote aussprechend, nie in Muße, kaum einmal gut gelaunt oder gar lachend und ausgelassen. Die Kinder mussten versorgt werden, das war notwendig, hart und zeit raubend und erforderte Klaras ganze Kraft.