In der Schublade ... Schreiben


Franz Kamitzkes Versuch durchs Leben zu gehen. Erzählung. (uv) 

 

Die wiederholten Versuche Franz Kamitzkes durchs Leben zu gehen und der meine diese Versuche dem Vergessen zu entreißen.

 

Fragmente. 1985.

 

Auszüge:

3

Franz als viertes Kind geboren. Wichtig: drei vor ihm. Drei Esser, drei Schreier. Vier mit ihm, die es warm haben wollten, die forderten, Geld, Zeit, Kraft, von Liebe und Zärtlichkeit nicht zu reden, daran nicht zu denken. Franz wurde hineingeboren in ein Nest, das übervoll war, schäbig, abgerissen, in dem Hoffnung, Glaube, Liebe nur noch außerhalb denkbar war, als religiöses Privileg, abgekoppelt von der Wirklichkeit, nicht zutreffend, weder jemals noch nicht mehr.

Am längsten spürbar als Erinnerung, verschwommen und sehnsuchtsbeladen, das Innere der Brust weitend der Gedanke der Hoffnung. 

 

15

Welche Berechtigung habe ich, Franz Gedanken und Gefühle zuzuschreiben, die möglicherweise, sogar sicher so nicht stimmen, die nur andeutungsweise richtig sind, sein müssen für ihn, weil sie es für mich sind. Versuch einer Begründung, Rechtfertigung. Ich wäre durchaus geneigt, meine Rekonstruktionen aufzugeben, könnte Franz sich dazu entschließen, mich zu verlassen.

 

Es kann nicht fair sein, auf ein plastisches Lebensbild, eine Unvergessenheit geradezu auf ein Überleben zu pochen und gleichzeitig  alles zu kritisieren und in Frage zu stellen was auftaucht aus der Vergangenheit der Gefühle und Zeiten. Wie sollte gerade Franz Anspruch auf Authentizität haben, er, der mir Zeit seines Lebens verborgen blieb. Wie sollte Authentizität ihm zustehen, wo sie mir abgeht. Und welchen Nutzen, welche Vorteile brächte sie ihm und mir. 

 

Wäre es nicht wichtiger, mir, der Lebenden, die Gefühle zu sichern, die Geschehnisse aus vagen Zusammenhängen zu reißen, die Zukünfte in rosiges Licht zu stellen, unverlöschbar. Haben Tote mehr Recht auf Leben als die Lebenden. Ist es mir nicht gleich

mühsam zu versuchen, übergestülpte Charaktere und Verhältnisse zu entfernen, gelingt es mir nicht ebenso wenig wie ihm, der Versuche aufgegeben hat.


Geschichte von der Frau die ihren Mann mit der Armbrust erschoss. Roman. (uv)

 

Leseprobe:

 

Prolog oder

Dialog mit den Lesenden

 

Ja, höre ich dich sagen, so solltest Du beginnen: Ihre Brüste verfolgten ihn noch im Schlaf, oder besser: Ihre Brüste verfolgten ihn noch im Traum.

 

Oder: Wer hätte gedacht, dass die Katze, nur zwei Tage später ihre

PFOTEN AUF SO SCHRECKLICHE WEISE VERLIEREN WÜRDE.

 

Und wie wäre das: Sie hätte gedacht, der Satz, die liebe höret nimmer auf, treffe auch auf sie zu, doch sie hatte sich getäuscht.

 

Darf ich mich jetzt auch einmal zu Wort melden? Ja, ich möchte vielleicht einen Roman schreiben, aber weder sollte er in die pornografische Richtung gehen, noch sollte es ein Roman über Tiere oder gar ein purer Liebesroman werden. Über die Liebe ja, aber über ihr Fehlen gleichermaßen. 

 

Aha, sagst Du, Du willst also ( doch) einen Roman schreiben. Dann solltest Du daran denken, dass der erste Satz der wichtigste ist im ganzen Text.

Dieser erste Satz muss ein Einschmeichler, ein Hineinzieher, ein Neugierigmacher, gewissermaßen ein Spannungsflitzer sein.

 

Hat dieser erste Satz diese Qualitäten, dann und nur dann, blättern die Lesenden weiter und erfreuen sich an Deinen Exkursen über Weichheit und irgendwelche Schatzkästlein, betrachten mit Dir Vesperdosen unterschiedlicher Farbe oder blonde Frauen auf Stilettos. 

 

Da magst Du ja Recht haben, aber sag, wie findest Du denn meinen Titel? 

 

Na, ja, diese Armbrust im Titel, glaubt Dir ja sowieso keiner. Wer, außer Dir, würde schon eine solch mittelalterliche Tatwaffe wählen.

Aber um noch einmal zurückzukommen, glaube mir, du musst einen ersten Satz anbieten, der spannend ist, der Lust macht aufs Weiterlesen. Der uns Lesende hineinzieht ins weitere Geschehen. Der Spannung aufbaut und neugierig macht. Nimm einen von den Sätzen, die ich Dir oben angeboten habe und der Erfolg ist Dir sicher. 

 

Erlaube mal, ich möchte meinen Text und ich spreche jetzt einmal nicht von einem Roman, selbst beginnen. Du als Lesende kannst mir doch nicht schon die ersten Sätze vorschreiben. Zumal ich mir über die Art des Textes noch keine endgültige Klarheit verschafft habe.

 

Es könnte ja beispielsweise ein Bericht werden, über eine unabsichtliche Tötung während eines Armbrustturniers. Die Ehefrau will gewinnen, zielt eigentlich richtig, der Pfeil macht sich selbständig und trifft versehentlich den zuschauenden Ehemann. Peng, er fällt um und ist tot. 

 

Prima! Peng, er fällt um und ist tot! 

 

Ach ja, das habe ich mir gedacht, das gefällt Dir. So sollte ich wohl beginnen: Peng, er fiel um und war tot. Das wäre Dir recht. Groschenroman, kann ich da nur sagen und das mit Ausrufezeichen!!!!

Wenn Deine Lust und Dein Interesse auf so etwas Spektakuläres in Wort und Inhalt gerichtet ist, bist Du bei mir fehl  am Platze. Außerdem macht eine Armbrust nicht einmal Peng. Aber ich möchte Dich dennoch nicht verlieren. Ich hätte gerne, dass Du mich begleitest bei meinem Gang durch die Geschichte einer lieblosen Ehe.

Ach, Du meinst, das Thema sollte ich auch nicht verraten. Das möchtest Du selbst feststellen. Aber, wie soll ich Dich denn dann hineinziehen in meinen Text? Was kann ich Dir anbieten, damit Du mich nicht verlässt? 

 

Auf keinen Fall den Schluss, höre ich dich entsetzt rufen.

 

Das ist ja wohl klar, wer würde schon den Schluss vor dem Anfang präsentieren. Ehrlich gesagt, ich will auch noch die Frage offen lassen, ob diese Frau, deren Leben und Lieben einen großen Teil des Textes ausfüllt, ihren Mann tatsächlich erschoss. 

 

Du behauptest es aber doch in Deinem Titel, dass sie zu so etwas fähig sei. Dann muss es doch auch geschehen. Alles andere wäre Betrug an den Lesenden.

 

Sei nicht gleich wieder beleidigt. Es könnte ja sein und ich habe auch vor, sie sich zu einer so selbst bewussten Frau entwickeln zu lassen, dass sie diese Tat vollbringen kann. Aber wer weiß. Frauen und Töten zusammenzubringen ist nicht so einfach. Sie scheinen eine natürliche Hemmschwelle zu haben, jemanden vorzeitig ins Grab zu legen.

Aber, du wirst ja sehen. Ich hoffe, ich habe mit meinen Andeutungen dein Interesse jetzt doch geweckt und du liest und liest und liest, bis zum Schluss.

Am besten beginnst du bei meinem Anfang: weich, aber durch und durch.


Kurzgeschichten unveröffentlicht

 

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